6. Veranstaltung: Verdinglichung der Natur

Anknüpfend an die Veranstaltung mit Christoph Plutte zu materialistischen Naturbegriffen im letzten Semester haben wir zusammen mit dem Uni AStA Dirk Lehmann aus Bielefeld zu einem Vortrag über ein ähnliches Thema eingeladen. Wir möchten zusammen mit Studierenden aller Fachbereiche die Auffassung, Natur sei mit Herrschaft zu belegen, kritisch beleuchten und sie als ein Element der bestehenden Ordnung herausstellen, das diese in ihren Grundfesten ausmacht. Dabei spielt für uns auch eine besondere Rolle, dass dies einen zentralen Punkt der Kritik der ‚Frankfurter Schule’ ausmacht und dass von jenem aus das Denken und die Aktualität dieser leicht erschlossen werden können.
Vor wenigen Jahren noch stark frequentiert, ist das Lehrangebot zur ‚Kritischen Theorie’ aus den Hochschulen nahezu verschwunden oder wird nur noch operationell genutzt bzw. historisierend wegsortiert – wir möchten einen (studentischen) Gegenpol dazu anregen und über die Auseinandersetzung mit dem Bestehenden mit der Studierendenschaft ins Gespräch kommen.

Hier wie versprochen der Ankündigungstext
und weitere Informationen zum Referenten:

Naturbeherrschung und Emanzipation.
Kritische Theorie über die Verdinglichung der Natur

Die kritische Theorie entsteht in den frühen dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts als eine Reflexion der ausgebliebenen proletarischen Revolution. Mit der Dialektik der Aufklärung, und das heißt mit der Erfahrung des Stalinismus, vor allem aber des Nationalsozialismus und der Ermordung der europäischen Juden, betritt die kritische Theorie indes eine neue Reflexionsstufe: Es geht nunmehr um die Reflexion der ausgebliebenen Zivilisation. Damit rückt das Problem der Beherrschung der Natur in den Fokus.
Wenn Theodor W. Adorno 1940 an Walter Benjamin schreibt, dass „alle Verdinglichung ein Vergessen ist, Objekte dinghaft in dem Augenblick werden, wo sie festgehalten sind, ohne in allen ihren Stücken aktuell gegenwärtig zu sein: wo etwas von ihnen vergessen ist“, dann kann im Anschluss daran unter dem Begriff der Naturbeherrschung die Verdinglichung der Natur verstanden werden. Die Vereinheitlichung des stets Werdend-Gewordenen, des qualitativ Besonderen, im Zusammenhang mit anderem Stehenden, kann, wie prekär auch immer, nur durch Tilgung eben jenes Nicht-Identischen gelingen.
Damit greifen Horkheimer, Adorno und andere die Marx-Lukács’sche Verdinglichungskritik auf, gehen aber über sie insofern hinaus, als ihnen nicht allein der ‚moderne Kapitalismus’ zum Problem wird, sondern die angespannte Zivilisation insgesamt. Während die klassischen Vertreter der kritischen Theorie Naturbeherrschung wesentlich bezogen auf die Natur, die wir selber sind, werden die Überlegungen zur Naturbeherrschung im Lichte der ökologischen Krise bezogen auf die Natur, die wir nicht sind.
Das Problem der Naturbeherrschung betrifft aber nicht allein die ökologische Krise, sondern berührt die Frage nach der Emanzipation der Menschheit insgesamt, wie sie etwa im berühmten Aphorismus Sur l’eau aufgeworfen ist. Mit einem dialektischen Begriff von Natur ließe sich schließlich zeigen, dass Natur nicht allein etwas den Menschen Schreckendes oder etwas von den Menschen zu Unterjochendes – sondern auch und vor allem etwas mit der Menschheit zu Versöhnendes ist.

 

Dirk Lehmann hat in Duisburg und Bielefeld Soziologie studiert. Er arbeitet gegenwärtig über die Entstehung und Entwicklung der kritischen Theorie und veröffentlicht unregelmäßig im Kritiknetz – Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft und in Phase 2 – Zeitschrift gegen die Realität.

 

Donnerstag, 15.11.2012, 18:30 Uhr
Selbstverwaltetes Jugend- und Kulturzentrum „Club Courage
Friedensstraße 42 (Hinterhof), 48145 Münster

 

Diese Veranstaltung wird gefördert durch den
AStA der Universität Münster.