Archiv für März 2012

4. Veranstaltung: Antipsychiatrie

Seit der Psychiatriereform in den 70er Jahren gerät die Institution Psychiatrie nur noch selten in den Fokus emanzipatorischer Kritik – und das obwohl sie sehr wohl Gegenstand einer solchen sein müsste. Dem entgegen möchten wir mit einer Veranstaltung Anfang April einen Diskurs anstoßen, der die Psychiatrie als Institution in der Marktwirtschaft begreifen kann und der sich emphatisch mit den Betroffenen um Alternativen bemüht und ihre Belange ernst nimmt, ohne dabei über die Probleme der aktuellen „Antipsychiatrie“ zu schweigen. Dabei soll der Vortrag auch die gesamtgesellschaftliche Relevanz einer zu lange ausgebliebenen Diskussion um die Psychiatrie verdeutlichen, die für Studierende aller Fachbereiche wichtig wäre.

Den Ankündigungstext und einige Informationen zum Referenten findet ihr unten:

Theorie und Kritik der Antipsychiatrie
Eine Einführung unter besonderer Beachtung des Problems
der Shoahrelativierung in der antipsychiatrischen Kritik

Obwohl die Institution der Psychiatrie durchaus auch für die Linke ein Thema von Relevanz ist, steht es häufig weit außerhalb linker Szenediskurse und wird nicht selten in den Bereich des Persönlichen gedrängt. Ein Zusammenhang zur Gesellschafts- und Kapitalismuskritik wird zumeist nicht gesehen.
Die ursprünglich in der Linken und radikalen Linken entwickelte Kritik an der am Rand der Gesellschaft operierenden Institution Psychiatrie setzt genau hier an. Die organisierte radikale Kritik an der Psychiatrie, die sogenannte Antipsychiatrie, setzt sich für die Abschaffung der Psychiatrie bzw. des Zwangs in ihr und für Alternativen ein.
 
Jedoch gibt es bei diesen Bestrebungen auch immer wieder problematische Argumentationsmuster. So vergleicht ein Teil der Antipsychiatrie-Bewegung seit jeher die zeitgenössische Psychiatrie mit der nationalsozialistischen oder setzt sogar beide in eins. Angeblich soll sich u.a. von der NS-Psychiatrie bis zur heutigen Zeit ein Kontinuum in den Methoden und Todeszahlen ziehen oder die NS-Psychiatrie wird als Vorstufe zu einer noch viel grausameren institutionellen Praxis begriffen. Solcherlei Betrachtungen gehen so gut wie nie auf tatsächlich vorhandene personelle und theoretische Überschneidungen zurück, die es zu untersuchen gälte. Stattdessen werden oftmals im gleichen Zug Verschwörungstheorien bedient, nach denen die Psychiatrie Urheberin der Shoah sei oder es wird umstandslos die industrielle Massenvernichtung am europäischen Judentum mit der derzeitigen Situation von Psychiatrie-Betroffenen verglichen.
 
Während des Vortrags werden die Theorien der Antipsychiatrie einführend vorgestellt, verschiedene Formen des Geschichtsrevisionismus in der organisierten Antipsychiatrie aufgezeigt und mögliche theoretische Entstehungshintergründe beleuchtet. Ziel ist weniger die Darbietung einer abgeschlossenen Erklärung, als die Sensibilisierung für ein in der radikalen Linken weitgehend unbeachtetes Thema, sowie das Aufzeigen theoretischer Fallstricke.

 

David Wichera arbeitet seit sieben Jahren im Weglaufhaus „Villa Stöckle“ in Berlin und ist Mitglied im AK Psychiatriekritik der berliner Naturfreundejugend.

 

Dienstag, 10.04.2012, 20:00 Uhr
Selbstverwaltetes Jugend- und Kulturzentrum „Club Courage
Friedensstraße 42 (Hinterhof), 48145 Münster

 

Diese Veranstaltung wird gefördert durch den
AStA der Universität Münster.