Archiv für Februar 2012

3. Veranstaltung: Materialistische Naturbegriffe

An den modernen Naturwissenschaften, so meint man häufig, gibt es kaum etwas zu rütteln. Für den 29. März haben wir Christoph Plutte aus Berlin eingeladen, der das ganz anders sieht. Mit der Veranstaltung möchten wir einen weitgehend unbeleuchteten Themenbereich anschneiden und Studierende ansprechen, deren Wissenschaften häufig als unabhängig von der bestehenden Gesellschaft gelten und die keinen Raum für eine radikale Kritik zu bieten scheinen. Weiter hoffen wir mit dem Referenten zusammen Ansätze eines Naturbegriffs freilegen zu können, der in der Diskussion gegen Sozialdarwinismus und Biologisierungen menschlichen Verhaltens als schlagendes Argument angeführt werden kann.

Etwas mehr zum Inhalt des Vortrages und zum Referenten findet ihr hier:

Materialistische Naturbegriffe und die
Kritik herrschender Naturvorstellungen

Kann die Kritik an den herrschenden Vorstellungen von Natur und den Naturwissenschaften politisiert und zum Aktionsfeld emanzi- patorischer Kritik gemacht werden?

In jeder historischen Epoche werden bestimmte Vorstellungen von Natur ausgebildet, in denen sich die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse vielfach widerspiegeln. Die Naturvorstellungen des Mittelalters wurden von der Kirche sanktioniert und überwacht, die die gesellschaftliche und ständische Ordnung in der himmlischen und natürlichen Ordnung zu verdoppeln suchte. Daher bekämpfte die Kirche vehement alle Versuche, das starre Bild der von Gott geschaffenen Natur aufzuweichen.
Unter ihren zahlreichen Gegner*innen haben insbesondere die Materialist*innen im Vorfeld der französischen Revolution die Naturphilosophie dazu benutzt, am Gegenstand von Natur und Mensch, Seele und Körper und in naturphilosophischen Begriffen über die Gesellschaft zu sprechen, revolutionäre Gedanken zu entwickeln und den Sturz des Königs zu fordern.
 
Seitdem hat sich viel verändert und die Naturanschauung unterliegt keiner Zensur von Staat und Kirche mehr und auch die politische Herrschaft stützt sich nicht mehr auf unhinterfragbare Wahrheiten, sondern eher auf ein konfuses Durcheinander von Meinungen. Nicht mehr der Zweifel an „ewigen Wahrheiten“ ist ein Skandal, sondern die selbstbewusste Behauptung, wahre Aussagen über die Ursachen der gesellschaftlichen Misere treffen zu können.
 
Im Vortrag sollen unter anderem die Versuche Friedrich Engels beleuchtet werden, einen dialektisch-materialistischen Begriff von Natur zu entwickeln. Wenn von linker und emanzipatorischer Seite naturwissenschaftliche Anschauungen und Theorien kritisiert werden, dann bezieht sich diese Kritik häufig auf Naturwissenschaftler*innen, die naturwissenschaftliche Theorien auf soziale Phänomene übertragen wie z.B. beim Sozialdarwinismus oder gegenwärtig bei Hirnforschern und Gentechnikern.
Dabei wäre vielmehr die Frage zu stellen, inwiefern ein materialistisch-dialektischer Naturbegriff dabei helfen kann, nicht nur diese falschen Übertragungen und Biologisierungen zu kritisieren, sondern diesen an der Wurzel ein anderes Naturverständnis entgegenzusetzen. Schließlich scheint die erkenntnistheoretische Selbstbeschränkung in den Naturwissenschaften – keine Begriffe von Natur, sondern nur Modelle zur Berechnung von Naturphänomenen liefern zu wollen – ein Pendant zur Behauptung zu sein, das menschliche Elend und die gesellschaftlichen Missstände nicht abschaffen, sondern nur sozialdemokratisch lindern zu können.
Diese Gedanken sollen vor dem Hintergrund der materialistischen Naturphilosophie der französischen Aufklärung und der ›Dialektik der Natur‹ von Friedrich Engels, die in gewisser Weise ihre Weiterentwicklung ist, ausgeführt werden.

 

Christoph Plutte ist Programmierer in Berlin und veröffentlichte im vergangenen Jahr in der Zeitschrift prodomo einen Artikel über Engels‘ Naturdialektik. Ebenfalls 2011 ist in der Edition Tiamat eine Sammlung von Briefen Guy Debords erschienen, die er mit übersetzt hat.

 

Donnerstag, 29.03.2012, 20:00 Uhr
Selbstverwaltetes Jugend- und Kulturzentrum „Club Courage
Friedensstraße 42 (Hinterhof), 48145 Münster

[ Der Vortrag findet statt im Rahmen der „Bar Antifascista“, mit veganem Essen, kalten und warmen Getränken, Info-Tisch uvm. ]

 

Diese Veranstaltung wird gefördert durch den
AStA der Universität Münster.

2. Veranstaltung: Zum Begriff des Faschismus

Im März wollen Neonazis in Münster aufmarschieren. Im Aufruf des Bündnis „Keinen Meter den Nazis!“ (den wir unterstützen) heißt es: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen“. Mit einer Veranstaltung zwei Wochen vor dem Aufmarsch möchten wir diskutieren, was mit „Faschismus“ eigentlich gemeint sein soll. Denn bis heute gibt es keine einheitliche Faschismustheorie, sondern nur viele vereinzelte Ansätze und Erklärungsversuche, obwohl das Wort „Faschismus“ in vielen (gesellschaftlichen) Diskursen häufig fällt.

Für einen Vortrag am 18.02.2012 haben wir dafür einen guten Bekannten einladen, der sich schon länger mit diesem Thema befasst. Er hat uns schon einen Ankündigungstext und einige Anmerkungen zu sich geschickt:

Zum Begriff des Faschismus
Eine Annäherung auf der Grundlage marxistischer Theorien

Die offene Diktatur des Finanzkapitals? Ein Resultat des Klassenkampfs der Kleinbürger? Oder die Herrschaft einer über den Klassen stehenden, verselbstständigten Exekutivgewalt? Als in den 1920er Jahren mit dem italienischen Faschismus eine vollkommen neuartige rechtsradikale Massenbewegung die Bühne der Weltpolitik betrat, entstanden in den kommunistischen Parteien Europas zahlreiche konkurrierende Versuche, dieses in sich so widersprüchliche Phänomen theoretisch zu fassen. Der Vortrag bietet einen Überblick über die „Klassiker“ der marxistischen Faschismusdiskussion. Behandelt werden die Theorien von Grigori Sinowjew, Georgi Dimitroff, Wilhelm Reich und August Thalheimer.
 
Die Theorien, die diese Marxisten in den 1920er und 30er Jahren entwickelten, bildeten die Grundlage für einen über Jahrzehnte fortwirkenden Diskurs um den Begriff und Gegenstand des Faschismus, der auch heute noch aktuell ist. Denn zumindest in den Debatten der politischen Linken ist der Begriff des Faschismus nach wie vor sehr präsent, allerdings ohne dass ihm dabei eine einheitliche Definition oder konsistente Theorie zugrunde liegen würde. Die Auseinandersetzung mit den „Klassikern“ der Faschismustheorie kann daher auch heute noch zur Klärung der Frage beitragen, was unter Faschismus eigentlich zu verstehen ist und ob er überhaupt jemals etwas anderes war, als ein bis zur Unkenntlichkeit überdehnter Kampfbegriff.

 

Der Referent Jonathan Müller hat Sozialwissenschaften studiert und beschäftigt sich in seiner Abschlussarbeit mit faschismustheoretischen Perspektiven auf die chilenische Militärdiktatur.

 

Samstag, 18.02.2012, 18:00 Uhr
Selbstverwaltetes Jugend- und Kulturzentrum „Club Courage
Friedensstraße 42 (Hinterhof), 48145 Münster

 
Diese Veranstaltung wird gefördert durch den
AStA der Universität Münster.

 

Einlassvorbehalt:
Die Veranstalter*innen behalten sich vor von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die neonazistischen Organisationen angehören oder der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder durch antisemitische, sexistische, rassistische oder nationalistische Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren.

Keinen Meter den Nazis!

Am 03. März wollen Neonazis durch Münster marschieren – es formiert sich zivilgesellschaftlicher Protest und gemeinsam werden wir sie mit ihrer menschenverachtenden Ideologie nicht durchkommen lassen. Auch wir gehören zu den Unterstützer*innen des Aufrufs „Keinen Meter den Nazis – Solidarisch gegen Rassismus und soziale Ausgrenzung!“

Kommt am 03. März nach Münster, setzt euch auf die Straßen und helft mit, den Nazis den Tag zu vermiesen. Den Aufruf und alle wichtigen Infos gibt es unter: www.keinenmeter.de.ms